Softwarelokalisierung: Definition, Ablauf, Tools
Softwarelokalisierung ist ein entscheidender Schritt, um digitale Produkte weltweit nutzbar zu machen. Sie geht über reine Übersetzung hinaus und berücksichtigt kulturelle, technische und sprachliche Besonderheiten. So wird Software nicht nur verstanden, sondern auch intuitiv und vertrauenswürdig genutzt.
Was ist Softwarelokalisierung? (Definition)
Softwarelokalisierung bedeutet die Anpassung von Software an sprachliche, kulturelle und technische Anforderungen eines Zielmarktes. Anders als reine Übersetzung umfasst sie auch Formate, Symbole und Benutzerführung. Ziel ist es, Software für Nutzer weltweit verständlich, nutzbar und marktkonform zu machen.
Abgrenzung: Übersetzung vs. Lokalisierung
Übersetzung bedeutet: Inhalte werden sprachlich in eine andere Sprache übertragen. Das ist wichtig – aber bei Software oft nur der kleinste Teil des Problems.
Lokalisierung bedeutet: Die Software wird so angepasst, dass sie im Zielmarkt wirklich funktioniert und akzeptiert wird. Dazu zählen unter anderem:
- Regionale Formate: Datum (z. B. 16.12.2025 vs. 12/16/2025), Dezimaltrennzeichen, Währungen
- Kulturelle Erwartungen: Tonalität, Höflichkeitsform (Sie/du), Begriffe, die in der Branche üblich sind
- UI-Realität: Text kann länger werden, Buttons schneiden ab, Zeilen umbrechen unschön
- Qualität & Stabilität: Variablen, Platzhalter, Sonderzeichen – alles muss technisch korrekt bleiben
Beispiel: Eine reine Übersetzung würde den Begriff „Cookie Policy“ übersetzen. Die Lokalisierung stellt jedoch sicher, dass die entsprechende Schaltfläche auf dem Bildschirm Platz findet und die gesetzlichen Anforderungen (z.B. DSGVO in der EU) für diesen Markt erfüllt sind.
Lokalisierung vs. Internationalisierung (i18n vs l10n)
Um die Lokalisierung von Software effizient und kostengünstig durchzuführen, ist die Internationalisierung (i18n) eine unverzichtbare Voraussetzung. Der i18n l10n unterschied ist fundamental für den Erfolg eines globalen Produkts.
Die Internationalisierung (I18n) ist die Vorbereitung des Quellcodes und der Architektur eines Produkts. Sie stellt sicher, dass das System technische Hürden für mehrere Sprachen und Regionen von vornherein berücksichtigt. Wird dieser Schritt übersprungen, können die Lokalisierungskosten exponentiell steigen (de.wikipedia.org).
Merksatz: Internationalisierung ist, wie man die Software entwickelt. Lokalisierung ist, was man mit dem Inhalt macht, nachdem sie entwickelt wurde.
Beispiele: Technische Anforderungen der Internationalisierung
Die Internationalisierung befasst sich mit Aspekten, die tief in der Architektur der Software verwurzelt sind:
- Pluralformen: Viele Sprachen (wie Russisch oder Polnisch) haben komplexe Pluralformen, die nicht nur Singular und Plural umfassen. Der Code muss dynamische Schlüssel für diese Formen unterstützen.
- Zeichensätze: Die Unterstützung von Unicode (UTF-8) ist essenziell, um Sprachen wie Chinesisch, Arabisch oder Griechisch korrekt darzustellen.
- Schreibrichtung (RTL): Für Sprachen wie Arabisch oder Hebräisch muss die gesamte Benutzeroberfläche (Layout, Textausrichtung) von Rechts-nach-Links (RTL) umgeschaltet werden können.
- Datums- und Zeitformate: Der Code muss in der Lage sein, Datumsangaben (z.B. TT/MM/JJ vs. MM/TT/JJ), Währungen und Maßeinheiten (metrisch vs. imperial) an die lokale Norm anzupassen.
Was wird bei Software wirklich lokalisiert?
Die Lokalisierung von Software beschränkt sich nicht nur auf die Hauptanwendung. Sie umfasst das gesamte Ökosystem, das den Nutzer umgibt und das Produkt erklärt.
1. Die Benutzeroberfläche (UI)
Dies ist der offensichtlichste Teil. Hier werden die sogenannten Software Strings übersetzen:
- Menüpunkte und Buttons: „Einstellungen“, „Speichern“, „Zurück“.
- Fehlermeldungen und Warnungen: Müssen präzise und kulturell angemessen sein.
- Microcopy: Kurze, wichtige Texte (z.B. Tooltips, Platzhalter, Hinweise zur Barrierefreiheit).
2. Nicht-UI-Inhalte
Diese Inhalte sind entscheidend für die User Experience und werden oft übersehen (eurocom.at):
- Hilfedokumentation und Handbücher: Komplette Begleitmaterialien, Tutorials.
- In-App-Mitteilungen und E-Mails: Willkommens-E-Mails, Rechnungen, Benachrichtigungen.
- Store-Listings: App-Store- und Play-Store-Beschreibungen, Screenshots, Keywords.
- Onboarding-Prozesse: Interaktive Anleitungen, erste Schritte-Guides.
- Support- und FAQ-Inhalte: Die gesamte Knowledge-Base.
Die Lokalisierung von Software muss alle diese Berührungspunkte abdecken, um ein nahtloses, vertrauenswürdiges Nutzererlebnis zu gewährleisten.
Typische DACH-Anforderungen (de-DE, de-AT, de-CH)
Wer „DACH“ sagt, meint oft „Deutsch“. In der Praxis sind Zielmarkt und Sprachvariante aber entscheidend: de-DE, de-AT und de-CH unterscheiden sich in Tonalität, Begriffen und formalen Standards. Wenn diese Details nicht passen, wirkt die Software schnell „übersetzt“ statt lokal.
Sprachebene: Sie/du, Tonalität, Terminologie
Gerade im deutschsprachigen Raum entscheidet die Ansprache über Vertrauen:
- Sie vs. du: B2B-Software in DACH ist häufig „Sie“, Consumer-Apps oft „du“. Wichtig ist: konsequent bleiben (UI, E-Mails, Hilfetexte).
- Tonalität: Deutschland wirkt in Softwaretexten oft direkter/standardisierter, Österreich eher etwas höflicher/„weicher“ – je nach Branche. In der Schweiz ist Klarheit hoch, Übertreibungen wirken schnell unpassend.
- Terminologie: „Warenkorb“ vs. „Einkaufskorb“, „Rechnung“ vs. „Faktura“ (branchenabhängig), „Kundennummer“ vs. „Kunden-Nr.“ – kleine Unterschiede, große Wirkung.
Tipp: Ein Glossar (Begriffe + bevorzugte Schreibweise) spart später massiv QA-Aufwand.
de-CH Besonderheiten: ß/ss, Währung, Formate
Die Schweiz ist die häufigste „DACH-Falle“, weil sie „Deutsch“ ist, aber nicht „Deutschland“:
- ß wird zu ss (z. B. „Straße“ → „Strasse“).
- Währung: oft CHF statt EUR; Preise, Rundungen und Formatierung müssen sauber sein.
- Formate:
- Datum meist TT.MM.JJJJ (ähnlich DE/AT), aber prüfen je nach Produkt/Branche.
- Dezimaltrennzeichen: in DACH üblich Komma (1,5) und Tausenderpunkt (1.000) – wichtig für UI, Exporte, Reports.
- Datum meist TT.MM.JJJJ (ähnlich DE/AT), aber prüfen je nach Produkt/Branche.
- Begriffe & Office-Konventionen: In CH sind einige Begriffe anders etabliert (z. B. „Postleitzahl“ bleibt, aber Schreibweisen/Abkürzungen variieren).
Der Detaillierte Prozess der Softwarelokalisierung (Schritt-für-Schritt)
Ein methodisches Vorgehen ist essenziell, um Fehler zu vermeiden und die Qualität zu sichern. Hier sind die 5 zentralen Schritte, die jede erfolgreiche Softwarelokalisierung durchläuft.
Schritt 1: Analyse & Vorbereitung (Internationale Readiness Check)
Bevor auch nur ein String übersetzt wird, muss die Internationalisierung (I18n) abgeschlossen sein. Hierbei wird der Quellcode auf seine „Lokalisierungs-Readiness“ geprüft: Sind alle Texte aus dem Code ausgelagert? Werden Datums- und Währungsformate dynamisch geladen?
Schritt 2: Extraktion der Strings (Ressourcendateien)
Alle Strings (Texte, die der Nutzer sieht) werden aus der Anwendung in dedizierte, übersetzbare Ressourcendateien (z.B. im Format XLIFF oder JSON) extrahiert. Diese Dateien werden dann an die Übersetzer übergeben.
Schritt 3: Übersetzung und Terminologie-Management
Die linguistischen Experten übersetzen die extrahierten Texte. Hierbei kommen CAT-Tools (Computer-Aided Translation) zum Einsatz, um Translation Memory (TM) und Glossar/Terminologiedatenbanken zu nutzen. Dies sichert die Konsistenz und beschleunigt den Prozess.
Schritt 4: Engineering und Kompilierung
Nach der Übersetzung werden die lokalisierten Ressourcendateien zurück an die Entwickler übermittelt. Diese fügen die neuen Sprachdateien in den Quellcode ein und kompilieren die lokalisierte Version der Software.
Schritt 5: Linguistisches und Funktionales Testing (QA und Pseudo-Lokalisierung)
Die Qualitätssicherung (QA) ist der wichtigste Schritt.
– Pseudo-Lokalisierung: Testet die technischen Grenzen der Software (z.B. ob der Code Platzhalter korrekt verarbeitet).
– Linguistisches QA: Überprüfung der Übersetzungen im tatsächlichen Kontext (keine abgeschnittenen Texte, korrekte Tonalität, keine Syntaxfehler).
– Funktionales QA: Testen, ob die Software nach der Lokalisierung technisch einwandfrei funktioniert (z.B. keine defekten Links, korrekte Datumsformatierung).
Tools: CAT, TMS & Integrationen (welches wofür?)
Die Wahl des richtigen Softwarelokalisierung Tool ist abhängig von der Komplexität, dem Umfang und der Geschwindigkeit Ihrer Releases.
CAT vs. TMS: Wann reicht was?
- CAT-Tools (Computer-Aided Translation): Tools wie SDL Trados Studio oder MemoQ helfen Übersetzern, Texte effizienter zu übersetzen. Sie enthalten Translation Memory und Glossare. Sie sind ausreichend für kleine Teams oder Projekte mit niedriger Release-Frequenz.
- TMS (Translation Management System): Systeme wie Memsource oder Lokalise (ähnlich onesky.ai) sind zentrale Plattformen, die den gesamten Prozess managen. Sie automatisieren die String-Extraktion, weisen Aufträge zu, steuern QA-Prozesse und integrieren sich in Ihren Code-Workflow (CI/CD). Unverzichtbar für globale Unternehmen.
Must-haves für Effizienz
Unabhängig von der Größe des Tools sind folgende Funktionen entscheidend:
- Translation Memory (TM): Eine Datenbank aller jemals übersetzten Segmente. Wenn ein Satz wiederholt wird, wird er sofort vorgeschlagen (spart Zeit und Kosten).
- Terminologiedatenbank (Glossar): Gewährleistet, dass wichtige Fachbegriffe (z.B. Produktnamen, UI-Begriffe) über alle Sprachen hinweg konsistent sind.
- In-Context-Editor (ICE): Ermöglicht Übersetzern, den Text direkt in einer Simulation der Benutzeroberfläche zu sehen, was den Kontext-Fehler eliminiert.
Automatisierte QA-Checks: Prüft automatisch auf konsistente Satzzeichen, numerische Fehler oder fehlende Tags.
ICU MessageFormat & Pluralisierung (die häufigste Fehlerquelle)
Wenn Lokalisierungs-Projekte „komisch“ werden, liegt es sehr oft an Platzhaltern, Variablen oder Pluralformen. Genau hier hilft das ICU MessageFormat: ein Standard, um sprachabhängige Varianten (Plural, Select/Gender, etc.) korrekt abzubilden – statt mit hart verdrahteten Workarounds zu arbeiten.
Platzhalter/Variablen-Regeln, Pluralformen, Select
Platzhalter/Variablen sind dynamische Werte im Text, z. B. Name, Anzahl, Datum:
- {name}, {count}, {date}
Pluralisierung ist pro Sprache unterschiedlich:
- Deutsch: meist 2 Formen (one/other)
- Andere Sprachen: teils mehrere Formen und komplexere Regeln
Select wird genutzt für Varianten je nach Wert, z. B. Status oder Anrede:
- male/female/other, paid/unpaid, etc.
ICU bündelt das so, dass Entwickler nicht zig Sonderfälle im Code bauen müssen – und Übersetzer die Varianten klar sehen.
Die Softwarelokalisierung ist keine optionale Zusatzleistung, sondern eine essenzielle Investition in Ihr globales Wachstum. Durch eine frühzeitige Internationalisierung des Codes und den Einsatz moderner TMS-Tools können Sie den Prozess effizient gestalten und die Konsistenz in allen Sprachen sichern. Wer auf linguistische und funktionale QA setzt, liefert ein Produkt, das sich in jedem Zielmarkt natürlich anfühlt und so die Akzeptanz und den Umsatz nachhaltig steigert.
FAQs
Was ist der Unterschied zwischen Übersetzung und Lokalisierung?
Die Übersetzung ist der primäre linguistische Akt der Übertragung von Texten (Strings) in eine andere Sprache. Die Lokalisierung (L10n) ist der umfassendere Prozess, der neben der Übersetzung auch die kulturelle, funktionale und technische Anpassung der gesamten Software an die spezifischen Konventionen des Zielmarktes umfasst (z.B. Datumsformate, Symbole).
Was ist der Unterschied zwischen i18n und l10n?
Die Internationalisierung (I18n) ist die Vorbereitung des Software-Quellcodes und der Architektur, um die Unterstützung mehrerer Sprachen und regionaler Formate technisch zu ermöglichen. Die Lokalisierung (L10n) ist die eigentliche Anpassung der Inhalte und die kulturelle Aufbereitung für einen spezifischen Markt, basierend auf der vorbereiteten Architektur. I18n muss vor L10n erfolgen.
Welche Teile einer Software müssen lokalisiert werden?
Lokalisiert werden muss die gesamte Benutzeroberfläche (UI), einschließlich Menüs, Buttons und Fehlermeldungen. Darüber hinaus sind alle unterstützenden Inhalte notwendig, darunter die Dokumentation, die Hilfe-Dateien, E-Mail-Templates, das Onboarding und die Beschreibungen in App Stores (Store-Listings).
Welche typischen Fehler passieren bei Platzhaltern und Pluralformen?
Der häufigste Fehler ist die mangelnde Unterstützung komplexer Pluralformen der Zielsprache (z.B. mehrere Plural-Kategorien im Russischen). Bei Platzhaltern ist der Hauptfehler, dass Variablen-Tags nicht geschützt werden oder Übersetzer den Kontext des Platzhalters (z.B. ob er ein Nomen oder eine Zahl ersetzt) nicht kennen.
Lohnt sich Softwarelokalisierung wirtschaftlich?
Ja, Softwarelokalisierung ist eine lohnende Investition. Sie ermöglicht die Erschließung neuer, großer Märkte, führt zu einer deutlich besseren Nutzererfahrung (UX) und Akzeptanz in der Zielregion. Dies resultiert direkt in höheren Konversionsraten, einer stärkeren Kundenbindung und reduziert langfristig die Supportkosten, da Nutzer in ihrer Muttersprache weniger Fehler machen.
